Katechismus für ein liberales Christentum
29. Januar 2026

Christsein in der Nachfolge Jesu Christi



Im Juni 2025 veröffentlichte der Autor im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt "40 Thesen zum Reform des Christentums". Er ergänzte diese Thesen  noch mit dem nachfolgenden "Katechismus für ein liberales Christen", in dem 14 der wichtigsten christlichen Themen behandelt werden. Der Katechismus erschien im Januar 2026 ebenfalls im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt.


von Kurt Bangert



1 Christ sein


1.1 Warum nennen wir uns Christen?

Wir nennen uns Christen, weil wir uns als Nachfolger von Jesus Christus verstehen und wir unser Leben nach seiner Botschaft und seinem Beispiel ausrichten wollen.

 

2 Die Botschaft Jesu


2.1 Welche Botschaft hat Jesus verkündigt?

Jesus verkündigte den Menschen die „gute Botschaft“ (griech. Evangelium) vom „Reich Gottes“. Diese Botschaft zielte auf den Einzelnen ab wie auch auf die gesamte Gesellschaft.


2.2 Was bedeutete Jesu Botschaft für den Einzelnen?

Jesus wollte die Menschen von ihren leiblichen, psychischen und sozialen Krankheiten heilen und sie von ihren Ängsten und Nöten befreien. Er wollte, dass die Menschen ein Leben „in Fülle haben“ (Joh. 10,10 und 17,13).


2.3 Was ist mit der „Fülle des Lebens“ gemeint?

Was mit der „Fülle des Lebens“ gemeint ist, darf jeder Mensch letztlich für sich entscheiden. Die Fülle des Lebens hat u.a. zu tun mit dem Einsatz unserer persönlichen Talente und Möglichkeiten zum eigenen Glück und zum Wohl unserer Mitmenschen. Ein Jünger Jesu schrieb: „Barmherzigkeit und Frieden und Liebe seien mit euch in Fülle!“ (Judas 2)


2.4 Was lehrte Jesus über unser Verhältnis zu anderen Menschen?

Jesus sagte: „Was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihr ihnen auch!“ (Mt. 7,12) Wenn wir andere Menschen so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen, dürfen wir hoffen, dass andere Menschen auch uns gut behandeln. Jesus wollte, dass wir Menschen fair und wahrhaftig miteinander umgehen.


2.5 Was ist mit der von Jesus verkündigten „Nächstenliebe“ gemeint?

Jesus predigte: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mk. 12,31). Er forderte von den Menschen gerechtes Handeln gegenüber ihren Mitmenschen und Mitgefühl für deren Nöte und Bedürfnisse. Er lud sie dazu ein, den Menschen zu dienen, statt über sie zu herrschen (Mt. 23,11f). Er lehrte sie, nicht nur gerecht zu sein (Mt. 6,33), sondern auch barmherzig (Lk. 6,36). Jesus gebot sogar die Feindesliebe: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ (Mt. 5,44).


2.6 Was sagte Jesus in seiner Bergpredigt?

In seiner Bergpredigt pries Jesus all diejenigen „glückselig“, die sanftmütig und barmherzig sind, die Frieden stiften und sich nach Gerechtigkeit sehnen (Mt. 5; Lk. 6). Wer sich für das Wohl und Glück anderer einsetze, werde selbst Glück erfahren. Jesus versprach den Hungernden, dass sie satt werden; den Weinenden, dass sie wieder lachen können; den Leidtragenden, dass sie getröstet werden; den Armen, dass ihnen das Reich Gottes gehöre.


2.7 Was bedeutete Jesu Botschaft vom „Reich Gottes“?

Jesus wollte, dass nicht nur der Einzelne ein Leben in Fülle lebt, sondern dass die ganze Gesellschaft von Freiheit, Frieden und sozialer Gerechtigkeit geprägt sei. Er sprach von dieser „besseren Welt“ als dem „Königreich Gottes“ (griech. basileia tou theou). Er glaubte, dass jeder an seinem Platz an der Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse mitwirken kann.

 

3. Das Leben Jesu


3.1 Wer war Jesus?

Jesus wurde als „Nazarener“ bezeichnet, was mit seinem Geburtsort Nazareth in Galiläa in Verbindung gebracht wird. Deshalb wird er als „Jesus von Nazareth“ bezeichnet.* Wie sein Vater Josef dürfte auch Jesus den Beruf des Zimmermanns bzw. des Bauhandwerks (griech. tekton) ausgeübt haben, bevor er als Wanderprediger seine Botschaft verkündigte. Wegen dieser Botschaft wurde er von den Römern zum Tode verurteilt und gekreuzigt. Seine Nachfolger glaubten, Gott habe ihn von den Toten auferweckt.

*Anmerkung: Jesus wurde auch als Nazoräer bezeichnet, was manche Ausleger mit den im Alten Testament vorkommenden Naziräern (hebr. nazir) in Verbindung bringen. Mit den Naziräern waren Asketen gemeint, die sich u.a. des Alkohols enthielten und ihren Bart nicht schnitten.


3.2 Wie lebte Jesus?

Jesus predigte nicht nur eine gute Botschaft, sondern lebte auch danach. Er kümmerte sich um die Nöte seiner Mitmenschen, vor allem die der Bedürftigsten. Er ermutigte seine Zeitgenossen, seinem Beispiel zu folgen und ein Leben in Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu leben. Andererseits verurteilte er Unwahrhaftigkeit und Ungerechtigkeit, Hass und Hartherzigkeit, Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit.


3.3 Warum kümmerte sich Jesus vor allem um die Leidenden und die Armen?

Jesus sagte: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“ (Lk. 5,31) Er kümmerte sich um Arme und Aussätzige, um Blinde und Behinderte, um körperlich und seelisch Kranke. Er litt mit den Menschen, die „geängstigt und zerstreut wie die Schafe waren, die keinen Hirten haben“ (Mt. 9,36). Er wollte, dass auch die gescheiterten, verirrten, verurteilten und an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen die Fülle des Lebens erführen.

 

4. Das „Reich Gottes“


4.1 Woher stammt der Begriff des „Reiches Gottes“?

Das „Reich Gottes“ stand ursprünglich für die Hoffnung der nach Babylon entführten Juden auf Wiederherstellung ihres jüdischen Staates, in dem die gottgegebenen Gesetze wieder gelten würden. Später, als die Wiederherstellung eines jüdischen Staates in weite Ferne gerückt schien, verbanden viele Juden und Christen mit dem „Gottesreich“ ein am Ende der Zeit von Gott aufzurichtendes endzeitliches Paradies auf Erden.


4.2 Was verstand Jesus unter dem „Reich Gottes“?

Unter dem „Reich Gottes“ (oder der „Gottesherrschaft“) verstand Jesus eine bereits im Hier und Jetzt beginnende Veränderung der menschlichen Gesinnung (Lk. 17,21) zum Wohle einer Gesellschaft, in der Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit herrschen. Jeder sei aufgerufen, bei sich selbst zu beginnen, um an der Verbesserung der Gesellschaft mitzuwirken. In seinen Erzählungen („Gleichnissen“) ermunterte Jesus seine Zuhörer, selbst gerecht, fair, friedvoll, barmherzig und wahrhaftig zu sein. Sie sollten sich um die Ärmsten und Hungernden, die Kranken und Behinderten, die Opfer von Gewalt und Ungerechtigkeit kümmern. Wenn Menschen durch den Geist Gottes heil würden, so Jesus, sei das Gottesreich bereits zu ihnen gekommen (Mt. 12,28; Lk. 11,20).


4.3 Wie wurde Jesu Botschaft vom Reich Gottes aufgenommen?

Jesu Botschaft wurde von vielen seiner Zeitgenossen enthusiastisch aufgenommen. Sie freuten sich, wenn Menschen körperlich oder seelisch heil wurden oder wenn sie durch einen Sinneswandel („Bekehrung“) ihr Leben zum Positiven veränderten. Viele verbanden mit Jesu Wirken die Hoffnung auf eine bessere, gerechtere, ja heile Gesellschaft. Einige wollten ihn sogar zum König eines neuen Reiches machen und bezeichneten ihn darum als „Messias“ (= Christus). Es gab aber auch solche, die Jesus als Ketzer verurteilten; und letztlich wurde Jesus sogar als Aufrührer und selbsternannter „König der Juden“ gekreuzigt (Mk. 15,26).


4.4 Wofür steht der Name „Christus“ (Messias)?

Weil Jesus häufig vom „Reich Gottes“ sprach, sahen seine Jünger und Nachfolger in ihm den zum König dieses Gottesreiches gesalbten Messias bzw. Christos. Das griechische Wort Christos ist eine Übersetzung des hebräischen Wortes Messias, das „Gesalbter“ bedeutet und für den Anwärter des Königsthrons stand (also einen Kronprinzen). Wir heutigen Christen sehen in Jesus den Verkündiger des Gottesreiches und damit den Begründer einer besseren Welt, die er selbst bereits in Ansätzen zu verwirklichen begann. Indem wir uns Christen nennen, bekennen wir uns zu seiner „Reich-Gottes“-Botschaft.

 

5. Der Tod Jesu


5.1 Warum wurde Jesus gekreuzigt?

Weil Jesus immer wieder vom „Königreich Gottes“ sprach und manche Zeitgenossen in ihm bereits den zukünftigen König eines jüdischen Reiches sahen, geriet er in den Verdacht, ein politischer Aufrührer zu sein, und wurde als solcher von den Römern zum Tode verurteilt. An seinem Kreuz ließ man die ironisch gemeinte Inschrift „König der Juden“ anbringen (Mk. 15,26; Joh. 19,19-22).


5.2 Wie hat sich Jesus selbst verstanden?

Jesus hat sich nie als zukünftigen „König der Juden“ noch als politischen Aufrührer verstanden. Er wollte kein Umstürzler sein. Das „Reich Gottes“, von dem er sprach, war zwar „revolutionär“ in seinem Idealismus, sollte aber nicht durch eine gewaltsame Revolution, sondern durch ein geistiges Wachstum herbeigeführt werden – wie das Wachsen einer Ähre oder eines Senfkorns (vgl. Mk. 4,29; Mt. 13,31ff). Insofern wurde Jesus unschuldig verurteilt und gekreuzigt.


5.3 Welche Bedeutung gewann der Tod Jesu im Hinblick auf die weit verbreiteten Tieropfer?

Sowohl in Judäa als auch in der restlichen Welt wurden zur Zeit Jesu noch Tieropfer (und gelegentlich sogar Menschenopfer) gebracht, um die Götter gnädig zu stimmen. Mit dem Tod Jesu zeigten Christen sich überzeugt, dass es solcher Opfer nicht mehr bedürfe, da mit Jesus das ultimative Opfer dargebracht worden sei. Gottes Gnade und Barmherzigkeit würden fortan ohne jegliche Menschen- oder Tieropfer gelten.


5.4 Welche Bedeutung kann der Tod Jesu für uns heute haben?

Weil Jesus schuldlos gekreuzigt wurde, sehen wir in seiner Kreuzigung vor allem einen Märtyrertod. Immer wieder haben die Mächtigen dieser Welt Unschuldige getötet. Die Tötung schuldloser Menschen ist auch heute noch eine traurige Realität. Jesu Tod kann darum für alle unschuldigen Opfer dieser Welt stehen, derer wir gedenken. Der Tod Jesu steht auch für die aufrechte Haltung Jesu, lieber den eigenen Tod in Kauf zu nehmen, als die eigenen Überzeugungen von Gerechtigkeit, Liebe und Wahrhaftigkeit zu verraten. Darum wurde der Tod Jesu auch als Gottes Gegenwart in äußerstem Leid verstanden. Gott wurde so zum Leidensgenossen aller Leidenden.


5.5 Wie ist die „Auferweckung“ Jesu zu verstehen, von der die Jünger sprachen?

Das Neue Testament berichtet, dass Jesus aus der Hölle der Verdammnis „auferweckt“ wurde und den Jüngern erschienen sei, bevor er „in den Himmel“ aufgenommen wurde (Eph. 4,9f, Lk. 24,51). Die moderne Theologie geht davon aus, dass es sich bei diesen Erscheinungen vor den Jüngern um Visionen handelte – wie bei Paulus, dem Jesus ebenfalls in einer Vision erschien (Apg. 9,3ff). Weil wir das dreigeteilte Weltbild mit Unterwelt, Erde und Himmel heute nicht mehr akzeptieren, verstehen viele Christen die Auferweckung Jesu nur noch metaphorisch und haben sich von einer leiblichen Auferweckung verabschiedet. Die Auferweckung Jesu bleibt aber ein wichtiges christliches Symbol, das für die nachträgliche Rehabilitation von Jesu Person und Botschaft steht. Die Jünger waren überzeugt: Mit dem Tode Jesu war nicht alles aus, sondern begann seine Geschichte erst richtig. Darum verkündigten sie seine Botschaft umso beherzter.

 

6. Die Bibel


6.1 Warum ist die Bibel die wichtigste Grundlage der christlichen Verkündigung?

Die Bibel enthält Berichte vom Leben, Wirken und Sterben Jesu. Sie enthält auch viele Zeugnisse von Menschen, die Erfahrungen mit ihrem Gott gemacht haben und von diesen Gotteserfahrungen berichten – in der Hoffnung, dass auch die Leser und Leserinnen ihre eigenen Erfahrungen mit Gott machen. Für Martin Luther war in der Bibel vor allem das wichtig, „was Christum treibet“.


6.2 Aus welchen Teilen besteht die Bibel?

Die Bibel ist eine zweigeteilte Bibliothek: Das Alte Testament enthält 39 Schriften, das Neue Testament 27. Daneben gibt es noch sieben apokryphe Schriften, die von Katholiken als biblisch, von Protestanten als außerkanonisch, aber nützlich und gut zu lesen angesehen werden. Das Alte Testament (jüdisch: Tanach) besteht aus den „Fünf Büchern Moses“ (Torah oder auch Pentateuch genannt), den „Prophetischen Büchern“ (nebiim) sowie den „Schriften“(ketubim). Das Neue Testament besteht aus den vier Evangelien Matthäus, Markus, Lukas und Johannes; der Apostelgeschichte des Lukas; den Briefen der Apostel Paulus, Petrus und Johannes sowie der Apokalypse des Johannes.


6.3 Worum geht es im Alten Testament?

Im Alten Testament geht es um das Volk Israel, das mehrere Gotteserfahrungen machte, darunter (1) die Befreiung des Volkes aus der Knechtschaft in Ägypten, (2) die Gesetzgebung am Gottesberg Sinai zur Regulierung sozialer Verhältnisse, (3) die Landnahme Palästinas und Gründung des Königreichs Israel, sowie (4) die Rückkehr nach Jerusalem und Judäa nach der Wegführung nach Babylon. Im Wesentlichen ging es bei diesen Erfahrungen um Freiheit und Gerechtigkeit sowie um ein Leben im Einklang mit dem Gott Israels.


6.4 Worum geht es im Neuen Testament?

Das Neue Testament berichtet in den vier Evangelien vom Leben, Wirken und Sterben Jesu. Die Apostelgeschichte berichtet von der frühen christlichen Gemeinschaft zur Zeit der Apostel (= Jünger Jesu). Und die Briefe, die Paulus, Petrus und Johannes zugeschrieben wurden, erläutern, was es heißt, ein Christ zu sein. Das Buch der Offenbarung (Apokalypse) enthält geheimnisvolle Visionen von den Konflikten der Endzeit und der Erlösung der Gläubigen.


6.5 Ist die Bibel als „Heilige Schrift“ und als „Wort Gottes“ zu verstehen?

Die Bibel wird von Christen als „Heilige Schrift“ betrachtet. Sie ist „heilig“ (d.h. jenseits des Alltäglich-Profanen), weil darin von den Erfahrungen der Menschen mit Gott berichtet wird; Erfahrungen, die auch für uns beispielgebend sein können. Die Bibel wird auch als „Wort Gottes“ verstanden, insofern Gott durch sie zu uns redet. Um aber mit Hilfe der Bibelworte Gottes Stimme zu hören, bedarf es unserer persönlichen Empfängnisbereitschaft.


6.6 Wie ist die Bibel auszulegen?

Die Bibel ist die Grundlage unseres christlichen Glaubens. Sie will aufzeigen, wie Menschen im Einklang mit Gott und mit ihren Mitmenschen leben können. Aber die Bibel ist kein historisches, biologisches, geologisches oder astronomisches Textbuch. Sie spiegelt die Weltbilder damaliger Menschen wider. Es hat sich darum bewährt, mit Hilfe „historisch-kritischer Methoden“ zwischen den zeitbedingten menschlichen Vorstellungen und den wichtigen theologischen Wahrheiten zu unterscheiden.

 

7. Die Kirche


7.1 Welchem Zweck dient die Kirche?

Die Kirche ist eine Glaubens-, Hoffnungs- und Handlungsgemeinschaft. Sie dient dem Zweck, das christliche Erbe zu bewahren und den Menschen zu dienen. Sie hat eine vierfache Aufgabe zu erfüllen, nämlich die (1) der Verkündigung und (2) des aktiven Dienstes sowie (3) der Stiftung von Gemeinschaft und (4) der rituellen Begleitung des Lebens der Gläubigen.


7.2 Worin besteht die kirchliche Aufgabe der Verkündigung (martyria)?

Die Kirche hat die Aufgabe, das Evangelium Jesu vom Reich Gottes zu verkündigen. Diese Botschaft Jesu ist eine Botschaft des Heils für den Einzelnen und der ganzen menschlichen Gemeinschaft, die von Frieden, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit gekennzeichnet sein soll. Insbesondere zielt die kirchliche Botschaft aber auf diejenigen, die durch Armut, Behinderung, Krankheit oder Andersartigkeit ausgegrenzt werden, um sie wieder aktiv in die menschliche Gesellschaft einzugliedern.


7.3 Worin besteht die kirchliche Aufgabe des Dienstes (diakonia)?

Der Dienst der Kirche gilt prinzipiell allen Menschen, vor allem aber den körperlich und seelisch Kranken, den Armen und Hungernden, den Blinden und Behinderten, den Beladenen und Bedürftigen, den Ausgegrenzten und Aussätzigen, den Leidenden und Trauernden, den Gefolterten und Gefangenen. Sie dürfen lernen, Benachteiligungen zu kompensieren; und die Gesellschaft soll lernen, sie als vollgültige Bürger zu akzeptieren und zu integrieren.


7.4 Worin besteht die kirchliche Aufgabe der Gemeinschaftspflege (koinonia)?

Die Kirche ist die Gemeinschaft gläubiger Christen, die sich als Nachfolger Jesu verstehen und seine Botschaft ernst nehmen wollen. Die Kirche stiftet Gemeinschaft und will Christen für die Verkündigung und zum Dienst an ihren Mitmenschen zurüsten.


7.5 Worin besteht die kirchliche Aufgabe des rituellen Dienstes (leiturgia)?

Die Kirche hat auch die Aufgabe, in Gottesdiensten und bei anderen Gelegenheiten das Leben der Gläubigen liturgisch zu begleiten: bei Geburt und Taufe, Heirat und Trennung, Sterben und Tod. Diese Knotenpunkte des Lebens bedürfen der christlich-rituellen Begleitung und Deutung.


7.6 Welche Aufgabe hat die Kirche in Bezug auf das von Jesus verkündigte „Reich Gottes“?

Die Kirche hat die Aufgabe, diese Botschaft Jesu vom Reich Gottes zu verkündigen; aber sie wird sich auch darum bemühen, mit Gottes Hilfe das Reich Gottes aktiv zu verwirklichen: zunächst in der Kirche selbst, sodann auch in der säkularen Gesellschaft. Sie setzt sich ein für eine bessere Welt, in der Menschen wahrhaftig miteinander umgehen, in Frieden und Freiheit leben; eine Welt, in der soziale Ungleichheiten durch solidarisches Handeln abgemildert und möglichst ganz beseitigt werden. Die Kirche weiß freilich, dass wir Menschen das Gottesreich nicht umfassend herbeiführen können, sodass wir seine Vollendung Gott überlassen müssen. Es bleibt ein Verheißungsüberschuss. Die Spannung zwischen einem „Schon jetzt“ und einem „Noch nicht“ bleibt bestehen.


7.7 Was ist der Unterschied zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Kirche?

Martin Luther hat zwischen einer sichtbaren und einer unsichtbaren, einer äußeren und einer inneren Kirche unterschieden. Unter der sichtbaren Kirche verstehen wir die institutionelle Kirche mit ihrer wechselhaften und zwiespältigen Geschichte und ihrer realen Praxis (wie Gottesdienste, Diakonie, Hochzeiten, Beerdigungen etc.). Ihr haften vielerlei Mängel an. Sie war auch immer schon ein Machtinstrument, das leicht missbraucht werden konnte. Unter der unsichtbaren Kirche verstehen wir vor allem die wahrhaft Gläubigen unabhängig von institutionellen und kirchlichen Äußerlichkeiten: Es handelt sich vor allem um die ehrlichen Nachfolger Jesu.


7.8 Wozu dienen kirchliche Feiertage und Feste?

Weihnachten erinnert an die Geburt Jesu und daran, dass Gott nicht abseits „im Himmel“ blieb, sondern in diese Welt und zu uns Menschen kam, um als Liebe wahrhaftig und wirksam Gott zu sein. Karfreitag erinnert an den Tod Jesu und aller unschuldigen Opfer; und Ostern an die Hoffnung, die sich mit Jesu bleibender Präsenz und seiner immer noch gültigen Botschaft verbindet. Christi Himmelfahrt erinnert daran, dass Jesus trotz seines schmachvollen Todes von Gott angenommen wurde („zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt“, so Paulus in Röm. 8,34). Pfingsten (von griech. pentēkostē hēméra = 50. Tag) erinnert an die Ausgießung des „Heiligen Geistes“ 50 Tage nach Ostern sowie an das Sprachwunder von Jerusalem, als die versammelten Menschen im Namen Jesu ihre jeweiligen Sprachen und Dialekte verstehen konnten. An diesem Fest feiern Christen das Wunder des Verstehens.

 

8. Taufe und Abendmahl


8.1 Welchem Zweck dient die Taufe?

Die Taufe wurde ursprünglich als Beginn eines verwandelten Lebens und als ein Eintauchen in die christliche Gemeinschaft verstanden. Der alttestamentliche Prophet Elisa veranlasste den aramäischen Hauptmann Naaman, sich im Jordan „taufen“ zu lassen (griech. baptizo, vgl. 2. Kön. 5,14). Johannes der Täufer taufte viele seiner Zeitgenossen (sogar Jesus selbst), die sich auf das „Reich Gottes“ vorbereiten wollten. Auch Jesu Jünger sollen getauft haben (Joh. 4,2) – meist durch Untertauchen des ganzen Körpers in einem Fluss. Damit wurde symbolisiert, dass der Getaufte sein altes, sündiges oder missglücktes Leben begrub und ein neues Leben in Gemeinschaft mit den Gläubigen und mit Gott beginnen wollte.


8.2 Warum praktiziert die Kirche die Kindertaufe?

Die Kindertaufe wurde eingeführt, weil christliche Eltern ihre Kinder schon von Geburt an in die Gemeinschaft der Gläubigen aufnehmen und im Sinne der christlichen Botschaft erziehen wollten. Der symbolische Vorgang des Untertauchens wird nur angedeutet, und ein „Begraben“ des „alten Lebens“ ist im Falle von Neugeborenen ohnehin noch nicht angesagt.


8.3 Was ist der Ursprung des Abendmahls (Eucharistie)?

Das Abendmahl geht auf das Passahfest zurück, das Juden in Erinnerung an ihre Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei bis heute als „Fest der ungesäuerten Brote“ feiern. Die Bibel erzählt, dass bei der zehnten Plage jede ägyptische Erstgeburt zu Tode kommen würde, damit Pharao die Kinder Israels endlich ziehen lasse. Jede israelische Familie sollte ein Lamm schlachten und mit dessen Blut die Pfosten ihrer Haustüren bestreichen, damit der Plage-Engel an ihnen vorübergehe. Dann sollten sie das Lamm gemeinsam verzehren. Jesus selbst feierte das Passahmahl mit seinen Jüngern, kurz bevor er gefangengenommen wurde. Die Jünger Jesu feierten dieses Mahl danach vor allem im Gedenken an Jesus, seine Gefangennahme und seinen Tod am Kreuz.


8.4 Mit welchen Worten hat Paulus das Abendmahl begangen?

Paulus verband das Abendmahl mit den folgenden Worten: „Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“ Mit der Erwähnung des „Bundes“ erinnerte Paulus (bzw. Jesus) an den Bund, den Gott mit Israel schloss und den Gott in Christus auch mit uns geschlossen hat.


8.5 Was bedeutet das Abendmahl für uns Christen heute?

Auch Christen dürfen zunächst an die Befreiung Israels von der Sklaverei denken sowie an den Bund, den Gott mit Israel und mit uns schloss. Aber vor allem verbinden wir Christen das Abendmahl mit Jesus, seiner Gefangennahme und seinem Tod. Zugleich gedenken wir an den Tod vieler unschuldiger Menschen, die Opfer von Gewalt und Unrecht wurden und noch werden. Wir erinnern uns aber auch daran, dass Jesus Vergebung von Sünde und Schuld predigte, sodass auch wir uns von Sünde und Schuld „erlöst“ ansehen dürfen. Indem wir Brot und Wein zu uns nehmen, verinnerlichen wir die Botschaft Jesu von der Barmherzigkeit Gottes und erklären unsere Bereitschaft, im Sinne Jesu am Reich Gottes mitzuwirken.

 

9. Die Zehn Gebote


9.1 Wovon handeln die Zehn Gebote (der Dekalog)?

Nach der jüdischen Einteilung handeln die ersten vier Gebote von unserem Verhältnis zu Gott und die letzten sechs Gebote von unserem Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen.


9.2 Warum erinnern die Zehn Gebote an den Auszug aus Ägypten?

Die Zehn Gebote beginnen mit der Feststellung: „Ich bin Jahwe, der Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ Damit wurde Israel daran erinnert, dass sein Gott vor allem ein Gott der Befreiung ist.


9.3 Wovon handeln die ersten vier Gebote des Dekalogs?

Das erste Gebot lautet: „Du sollst keine andern Götter neben mir haben.“ Weil Jahwe sein Volk aus Ägypten befreite, sollte es keinem anderen Gott als Jahwe dienen. Das zweite Gebot lautet: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Hier wird untersagt, sich irgendwelche Götzen zu machen und sie anzubeten oder sich von Gott allzu menschliche Vorstellungen zu machen. Das dritte Gebot lautet: „Du sollst den Namen Jahwehs, deines Gottes, nicht missbrauchen.“ Für die Juden hatte Gott einen Namen: Jahweh. Aber sie sollten ihn nicht in den Mund nehmen und auch sonst nicht schänden. Das vierte Gebot lautet: „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst.“ Juden haben den Sabbat gehalten im Gedenken an ihre Befreiung aus Ägypten (vgl. Dtn. 5,15), aber auch im Gedenken an die Schöpfung Gottes (vgl. Ex. 20,11).


9.4 Wovon handeln die sechs Gebote im zweiten Teil des Dekalogs?

Das fünfte Gebot lautet: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“ Wir schulden unseren Eltern unser Leben und sollen sie dafür in Dankbarkeit lieben und ehren bis zum Tod. Das sechste Gebot lautet: „Du sollst nicht töten.“ Jedes Leben ist heilig und soll nicht vorzeitig von Menschen beendet werden. Das siebte Gebot lautet: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Wer eine Ehe eingeht, tut dies fürs Leben. Deshalb sollen sich Eheleute stets treu bleiben. Das achte Gebot lautet: „Du sollst nicht stehlen.“ Wir sollen respektieren, was anderen Menschen gehört und ihnen nichts wegnehmen. Das neunte Gebot lautet: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Wir sollen unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf schädigen. Das zehnte Gebot lautet: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.“ Wir sollen das, was anderen gehört, respektieren und ihnen nicht abspenstig machen.

 

10. Die Schöpfung


10.1 Was verstehen wir unter der „Schöpfung“?

Schöpfung bedeutet Erschaffung. In der Bibel wird von der Erschaffung der Welt, der Erde, der Pflanzen- und Tierwelt und der Menschen gesprochen. Schöpfung bedeutet, dass unsere Existenz nicht selbstverständlich ist – weder als Art noch als Individuen. Das Leben auf unserem Planeten Erde ist von einer wundersamen Einzigartigkeit. Auch wir als individuelle Wesen sind jede und jeder für sich einzigartig und unwiederholbar. Dafür dürfen wir dankbar sein; und aus diesem Grund achten wir alles Leben auf der Erde: menschliches, tierisches und pflanzliches Leben.


10.2 Hat Gott die Welt erschaffen?

Die biblische Geschichte von Gottes Erschaffung der Welt in sechs Tagen (und vor ca. 6000 Jahren) ist eine mythische Erzählung, die widerspiegelt, wie sich die jüdischen Altvorderen zu ihrer Zeit die Entstehung der Welt und des Lebens vorstellten. Sie widerspricht in keiner Weise den modernen astronomischen, geologischen und biologischen Erkenntnissen von der Entstehung des Universums, der Erde und des irdischen Lebens.


10.3 Was will uns der biblische Schöpfungsbericht sagen?

Die biblische Schöpfungsgeschichte stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Sie sieht in ihm die höchste und vollendete Form des Lebens und verbindet damit eine besondere Verantwortung des Menschen für die gesamte Schöpfung. Der Mensch ist jedoch nicht Herr über die Schöpfung, sondern ihr pflichtschuldiger Sachverwalter. Alle Lebewesen sollen möglichst ausreichend Lebensraum und Nahrung zur Verfügung haben. Nur, wenn wir die gesamte Schöpfung erhalten, sodass möglichst viele Lebensarten darin gedeihen, werden auch wir unsere eigene menschliche Existenz sichern können.

 

11. Das Vaterunser


11.1 Warum beten wir im Gottesdienst das Vaterunser?

Gemäß der neutestamentlichen Überlieferung hat Jesus seine Jünger das Vaterunser gelehrt, und diese haben es gebetet und uns überliefert.


11.2 Wie lautet die erste Bitte und was bedeutet sie?

Die erste Bitte lautet: „Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name.“ Damit ist gemeint, dass wir Gott und seinen Namen heilighalten bzw. nicht in unnützer oder vermessener Weise missbrauchen wollen.


11.3 Wie lautet die zweite Bitte?

Die zweite Bitte lautet: „Dein Reich komme.“ Damit ist gemeint, dass wir das Reich Gottes und seine Grundsätze bereits für die Gegenwart erhoffen und uns aktiv für deren Verwirklichung einsetzen wollen. Denn nur wenn wir das Unsere tun, wird Gott das Seine dazu tun.


11.4 Wie lautet die dritte Bitte?

Die dritte Bitte lautet: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ Damit ist gemeint, dass wir uns jetzt bereits darum bemühen, Gottes Willen auf Erden zu verwirklichen.


11.5 Wie lautet die vierte Bitte?

Die vierte Bitte lautet: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Unser Leben hängt davon ab, dass wir genug zu essen und zu trinken haben. Das ist nicht selbstverständlich. Indem wir Gott um das tägliche Brot bitten, bekennen wir unsere Abhängigkeit von Gott und danken ihm zugleich für seine Fürsorge.


11.6 Wie lautet die fünfte Bitte?

Die fünfte Bitte lautet: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Wir sind uns schmerzlich bewusst, dass wir immer wieder Fehler begehen und uns zuweilen schuldig fühlen. Wir dürfen aber die Barmherzigkeit Gottes für uns in Anspruch nehmen. Gleichzeitig wollen wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind.


11.7 Wie lautet die sechste Bitte?

Die sechste Bitte lautet: „Führe uns nicht in Versuchung.“ Damit ist nicht gemeint, dass Gott uns zum Bösen verführen könnte; sondern dass wir uns selbst vor Situationen in Acht nehmen wollen, in denen wir versucht sind, Unrecht zu tun oder anderen Schaden zuzufügen.


11.8 Wie lautet die siebte Bitte?

Die siebte Bitte lautet: „Erlöse uns von dem Bösen.“ Mit dieser Bitte vertrauen und hoffen wir vor allem darauf, dass wir selbst uns von allem Bösen und Unrechten fernhalten.


11.9 Wie lautet der Schluss des Vaterunsers?

Das Vaterunser endet mit den Worten: „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Damit ist gemeint, dass alles Gute, das wir erfahren, letztlich nicht unser Verdienst ist, sondern Gottes. Wir dürfen dankbar annehmen, was das Leben uns schenkt.

 

12. Das Glaubensbekenntnis


12.1 Was ist der Inhalt des Apostolischen Glaubensbekenntnisses?

Das apostolische Glaubensbekenntnis bekennt sich zu Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, zu Jesus Christus, dessen Botschaft wir heute noch verkündigen, und zum Geist Gottes, der in uns Wohnung nehmen will. Es bekennt sich auch zur Kirche und zur Gemeinschaft der Gläubigen, zur Vergebung der Sünden und zum ewigen Leben.


12.2 Was bedeutet das Glaubensbekenntnis?

Das Apostolische Glaubensbekenntnis ist eine Kurzform der Credos, die bei den Kirchenkonzilien von Nicäa (325 n.Chr.) und Konstantinopel (381 n.Chr.) verabschiedet wurden. Es ging damals um die Einheit der Kirche und des Römischen Reiches. Man wollte die unterschiedlichen Positionen zur Person Christi und zur trinitarischen Gottheit vereinheitlichen. Die damaligen Bekenntnisse waren Zeugnisse ihrer Zeit. Sie lassen sich nicht eins zu eins in unsere heutige Zeit übertragen und bedürfen immer wieder der neuen, aktualisierten Auslegung.


12.3 Dürfen auch moderne Glaubensbekenntnisse im Gottesdienst aufgesagt werden?

Es gibt keine Verpflichtung, nur ein bestimmtes Glaubensbekenntnis im Gottesdienst aufzusagen. Es ist gestattet, statt der traditionellen Credos auch moderne Bekenntnisse in den Ablauf des Gottesdienstes zu integrieren oder das Bekenntnis ganz wegzulassen.

 

13. Das ewige Leben


13.1 Was verstehen wir unter „ewigem Leben“?

Viele Menschen wünschen sich ein ewiges Leben nach ihrem Tod. „Die Gerechten werden ewig leben“, heißt es im Weisheitsbuch (5,15). Im Neuen Testament wird ewiges Leben mit Jesus Christus verbunden. „Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“ (1. Joh. 5,13) Das ewige Leben bezieht sich nicht nur auf ein Leben nach dem Tod, sondern schon auf das Leben der Gläubigen vor ihrem Tod. „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben“, schreibt Johannes (Joh. 3,36). Das „ewige Leben“ stellt somit eine innere Lebensqualität und Lebensbereicherung dar, die wir bereits hier und jetzt erleben dürfen.

 

13.2 Was können wir über ein Leben nach dem Tod wissen?

Wir können nichts Definitives über ein Leben nach dem Tod wissen. Niemand, der endgültig gestorben ist, kehrte zurück, um uns davon zu berichten. Was nach dem Tod kommt, entzieht sich unserer Erfahrung und Erkenntnis. Trotzdem: Manche Menschen erhoffen sich eine wie auch immer geartete jenseitige Existenz. Andere wiederum können sich ein Leben nach dem Tod kaum vorstellen und bescheiden sich mit einem Leben hier auf Erden. Sie begnügen sich mit dem Gedanken, „von Gottes Hand gehalten zu werden“. Sie halten es für entscheidend, ein Leben im Einklang mit Christus gelebt zu haben. Paulus schrieb: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ (Röm. 14,8)


13.3 Können Nahtoderlebnisse uns etwas über ein Leben nach dem Tod verraten?

Es gibt Menschen, die dem Tod nahe waren und sogar einen Herzstillstand überlebten und wieder ins Leben zurückgekehrt sind. Viele von ihnen erzählen von einer wohltuenden Erfahrung, die ihnen die Angst vor dem Tod genommen hat. Da sie aber ins diesseitige Leben zurückgekehrt sind, kann man streng genommen nicht von einer Todeserfahrung sprechen. Kritiker sehen in Nahtoderfahrungen primär Vorgänge des noch aktiven Gehirns. Und letztlich zeugen diese Erfahrungen nur vom nahen Tod und nicht von einer Nach-Tod-Existenz. In jedem Fall lehren uns solche Erlebnisse, dass wir keine Angst vor dem Tod haben müssen, vor allem dann nicht, wenn wir unser Leben im Einklang mit der Botschaft Jesu gelebt haben.

 

14. Gott


14.1 Was verstehen wir unter „Gott“?

Gott ist die Bezeichnung für den geheimnisvollen und unverfügbaren Grund religiöser Erfahrung. Menschen empfinden bei solchen Erfahrungen zuweilen, dass ihr Alltagshorizont aufreißt und dahinter ein anderer, unendlicher und unergründlicher Horizont aufscheint. Manche verbinden mit solchen Erfahrungen die Einsicht, im Ganzen der Wirklichkeit verankert zu sein, das wir „Gott“ nennen können. Die Bibel spricht von dieser transzendenten Wirklichkeit in vielen Sinnbildern. Doch alle Versuche, von Gott zu sprechen, bleiben im Vorläufigen und Unvollständigen stecken. Ob wir von Gott als der „Tiefe des Seins“, als der „umfassenden Wirklichkeit“, als einer „inneren Kraft“ oder schlicht als „die Liebe“ (1. Joh. 4,16) sprechen: solche Bezeichnungen sind ebenso richtig wie sie unvollständig sind, ebenso symbolisch, wie die Wirklichkeiten, für die sie stehen, real sind.


14.2 Gibt es Gott überhaupt?

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal: „Den Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Damit wollte er sagen, dass es Gott nicht gibt, wie es andere Dinge dieser Welt gibt. Gott kommt keine Existenz sui generis („an sich“) zu. Er ist kein Seiendes, sondern allenfalls der Grund oder die Tiefe des Seins. Und weiter schrieb Bonhoeffer: „Wie in Christus die Gotteswirklichkeit in die Weltwirklichkeit einging, so gibt es das Christliche nicht anders als im Weltlichen, das ‚Übernatürliche‘ nur im Natürlichen, das Heilige nur im Profanen, das Offenbarungsmäßige nur im Vernünftigen.“ (Ethik, München 1992, 44)


14.3 Hat sich Gott offenbart?

Nach der Bibel hat sich Gott an manchen Knotenpunkten der Geschichte (wie bei der Herausführung Israels aus Ägypten) offenbart. Zuweilen hat er sich in den Erfahrungen ganzer Völker oder im Leben einzelner Menschen offenbart. Nach christlicher Überzeugung offenbarte er sich vor allem in Jesus Christus, durch den wir Gott als Liebe erfahren dürfen. Gott kann uns auch heute noch begegnen, wenn wir bereit sind, uns auf ihn einzulassen und seine Stimme zu vernehmen.


14.4 Was bedeutet die Lehre von der Dreieinigkeit (Trinität)?

Die altkirchlichen Bekenntnisse verstanden den Einen Gott in drei Seinsweisen (griech. hypostases; lateinisch: personae), die sie „Gott Vater“, „Gott Sohn“ und „Gott Heiliger Geist“ nannten. Eine moderne Theologie versteht diese drei Seinsweisen eher als (1) den abwesenden Gott (deus absconditus), (2) den sich offenbarenden und in der Welt anwesenden Gott (deus revelatus) sowie als (3) den in uns wohnenden Gott (deus in nobis).


14.5 Wie können wir Gott erfahren?

Es gibt für Gotteserfahrungen keine allgemeingültige Definition und kein Patentrezept. Menschen haben von Gotteserfahrungen dann gesprochen, wenn sie eine Heilungserfahrung machten – sie also an Leib oder Seele gesundeten; oder wenn sie das Gefühl hatten, eins zu sein mit gleichgesinnten Menschen, mit der Schönheit der Schöpfung oder mit dem Ganzen des Universums. Wenn wir lernen, von uns selbst abzusehen, für andere da zu sein und uns im Ganzen der Wirklichkeit aufgehoben zu wissen, dann öffnen wir uns für das Göttliche. Wir mögen Gott in allem erkennen, was uns an guten Gaben und Segnungen zuteilwird, die wir nicht uns selbst zuschreiben, sondern wofür wir nur dem geheimnisvollen Grund unseres Universums danken können.

 


 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. theol. Kurt Bangert, Theologiestudium in den USA, in Tübingen und zuletzt in Marburg, wo er auch promoviert wurde, jahrelange Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit, heute Schriftleiter der theologischen Zeitschrift "Freies Christentum", dem Organ des Bundes für Freies Christentum, Mitbegründer des 2024 gegründeten "Netzwerk Christsein heute".

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2026




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