Arbeitsgemeinschaften (AGs) - Ergebnisse


Drei Arbeitskreise des Netzwerks haben am 24. Oktober 2026 der Mitgliederversammlung des Netzwerks ihre vorläufigen Ergebnisse vorgestellt. Hier sind sie:


AG "TAU Ehrfurcht vor dem Leben"


TAU – Ehrfurcht vor allem Leben (TAU) ist eine Arbeitsgemeinschaft (AG) innerhalb des „Netzwerks Christsein heute. Glaubensreform – Kirchenreform“ e.V. (Nch)


Die Arbeitsgemeinschaft entwickelt eine Theologie des Lebens, mit der eine Haltung der Verbundenheit und Ehrfurcht gegenüber allem Leben und eine daraus folgende Lebenspraxis verbunden ist. Deshalb gehören zu den Aufgaben der AG auch Aktionen für den Schutz der Würde und die Rechte des mehr als menschlichen Lebens wie auch die Einübung einer spirituellen Praxis der Weltverbundenheit.


Für TAU hat alles Leben eine unantastbare eigene Würde. Jedes Lebewesen hat einen eigenen Wert sowie eigene Begabungen, mit der die Freiheit der Entfaltung, eine gegenseitige Bezogenheit und Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen verbunden ist. Der Mensch ist als Säugetier wie jede andere Lebensart und jedes Lebenselement Teil der schöpferischen Gemeinschaft des Lebens. Sie entwickelt sich in den miteinander vernetzten Ökosystemen der Erde und im Kreislauf des Stoffwechsels des Lebens stetig weiter. Diese Grunderkenntnisse über das vielfältige und komplexe Beziehungsnetz des Lebens, die Bezogenheit und Abhängigkeit seiner Arten, sind die Grundlage einer Theologie des Lebens.


Biblisch-theologisch findet sie ihren zentralen Bezugspunkt im religiösen Neuansatz der Botschaft vom Reich Gottes. In der Perspektive des Reiches Gottes ist alles Leben miteinander verflochten und aufeinander bezogen. Hier ist im ganzen Dasein zu spüren, „Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst und das dennoch nicht von einem selbst getrennt ist“ (Robin Wall Kimmerer/ Charles Eisenberg). Diese Botschaft vom Reich Gottes sollte wieder in den Vordergrund kirchlicher Verkündigung rücken. Sie ist gemäß Satzung einer der zentralen Ziele des NCh, in dem sich TAU gegründet hat. Daraus folgt für TAU:


  •  eine umfassende Kritik am Anthropozentrismus in Theologie, Philosophie, Wissenschaft, Wirtschaft- und Gesellschaftspraxis. Der Anthropozentrismus ist zutiefst in unserer Denk- und Sichtweise sowie dem Umgang des Menschen mit dem mehr als menschlichen Leben verwurzelt. Dies beginnt bereits in einigen biblischen Aussagen, zieht sich besonders durch die Geschichte des Christentums hindurch und führt schließlich zur vollständigen Unterwerfung allen Lebens auf der Erde durch den Menschen. Besonders auffällige Beispiele heute sind die skandalöse Massentierhaltung, die dramatische Vernichtung der Biodiversität und der Zerstörung des lebenswichtigen Bodens und seiner Bewohnerschaft. Der Mensch tritt seine eigenen Verwandten im Netz des Lebens mit den Füßen und gefährdet damit nicht nur sich selbst. Er ist Hauptverursacher des sechsten Massenaussterbens und bedroht massiv die Regenerationsfähigkeit überlebenswichtiger Ökosysteme der „Mutter Erde“.
  • TAU tritt für einen radikalen Paradigmenwechsel ein. Im Zentrum steht das Leben, das in spiritueller Sicht heilig ist. Als bedingungslos abhängiger Teil der Gemeinschaft des Lebens ist der Mensch aufgefordert, seine Eingriffe in das Lebensnetz zurückzunehmen, Lebensräume freizugeben und die Regenerationsfähigkeit der Ökosysteme zu achten und zu unterstützen. Er selbst sollte möglichst wenig schädigend in das Lebensnetz eingreifen und große Teile der Erde und des Meeres unberührt lassen.
  • TAU hat das Ziel, die Empathiefähigkeit des Menschen zum mehr als menschlichen Leben, das Gespür der Verbundenheit und die Ehrfurcht vor allem Leben zu stärken.
  • TAU setzt sich in besonderer Weise für die Eigenwürde und die Lebensrechte nichtmenschlicher Tiere und anderer Lebewesen ein und sucht hier die Kooperation mit kirchlichen, spirituellen und säkularen Initiativen und Netzwerken.
  • Tau kann mit der Entwicklung einer "Theologie des Lebens" einen gewichtigen Ansatz für eine inhaltliche Reform einer Kirche liefern, die die Welt-Religion Jesu und ihre Bedeutung für das Leben in seiner Bezogenheit aufeinander ins Zentrum stellt. Damit verbunden ist die Benennung der ihr zuwiderlaufenden Traditionen des real existierenden Christentums.
  • Innerhalb des „Netzwerks Christsein heute“ versteht sich TAU als selbständige Arbeitsgemeinschaft, die eigene Impulse nach innen wie nach außen setzt als auch eigene Kooperationen mit weiteren Netzwerken und Initiativen eingeht.


Zum Begriff TAU: Der griechische Buchstabe Tau (T) gilt in der franziskanischen Tradition als ein Zeichen des Segens allen Lebens.



AG "Aufgeklärtes Gottesverständnis"


Vorwort: Für unser Gottesverständnis gelten die folgenden Kriterien: Unser Gottesverständnis soll aufklärend, emanzipatorisch, friedensfördernd, lebensdienlich und gemeinschaftsdienlich wirken.


A. Ein aufgeklärtes Gottesverständnis kritisiert:


1. die Beschränkung von Glaubenserfahrungen auf den Umgang mit Bibel und Tradition.

2. ein Glaubensverständnis, dass Glauben reduziert auf Bejahung von unhinterfragbaren Dogmen und

von angeblich offenbartem Wissen.

3. ein theistisches Gottesbild, das Gott jenseits und getrennt von der Lebenswirklichkeit und dem

heutigen Weltverständnis verortet.

4. die Aufrechterhaltung des alten dreistöckigen Weltbildes und die mythologischen

Glaubensvorstellungen, die sich daran anschließen.

5. ein evangelikales und biblizistisches Verständnis einer ungeschichtlichen Schöpfungslehre.

Wir bejahen uneingeschränkt die bisherigen Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung.

6. das überkommene Verständnis der Gottes Person Jesu und schlägt vor, die folgenden inzwischen

weithin unverständlich gewordenen mythologischen Vorstellungen nicht mehr zu verwenden wie:

Jungfrauengeburt, Himmelfahrt, Sühnopfer, Gottheit Jesu, Trinität, leibliche Auferstehung u. ä.

7. ein Verständnis Gottes als ein personhaft existierendes Gottwesen oder als ein

seiendes Etwas, das verobjektiviert und definiert werden kann.

8. die Vorstellung eines zugunsten des Einzelnen übernatürlichen, äußeren Eingreifens Gottes als

außerweltliches Machtzentrum, übermächtigen Weltherrscher oder strafende Überperson.

9. Die Rolle des Gebetes wird nicht als Beauftragung Gottes zum übernatürlichen Eingreifen in Welt

und Schicksal verstanden, sondern als innere Zwiesprache mit „Gott“ und als gutes Denken an andere.

10. die Auffassung eines unversöhnlichen Gegeneinanders von Naturwissenschaft und Glauben.

11. Eine Reduzierung des christlichen Gottesverständnisses auf eine materialistische Weltanschauung,

die nur Messbares und Verobjektivierbares gelten lässt.


B. Vorschläge für ein aufgeklärtes Gottesverständnis:


1. Gott erleben wir als Geist und Quelle der Liebe, darin heilende Kraft des Lebens und die aller Natur

innewohnende Lebenskraft.

2. Gott erleben wir als Sinngebung des Seins und treibende Geist-Kraft der sich fortlaufend

entfaltenden Evolution.

3. Gott erleben wir als eine unverfügbare Kraft, die uns überdauert und an der der Mensch Anteil hat.

4. Gott kann erfahren werden als Woher des Geschenkcharakters meines Lebens, in Jesus, als Liebe

und Verbundenheit aller Menschen, im inneren Erleben als Lebenskraft, Mut, Trost; in der Natur...

5. Gott kann gedacht und stückweise verstanden, aber nicht rational, objektiv erklärt werden.

Gott ist für uns am deutlichsten erkennbar in dem wahren Menschensein Jesu; aber auch in anderen

Religionen und Weisheiten der Menschheit lässt sich Gottes Wirken erkennen.

7. Jesu Evangelium vom ‚Reich Gottes‘ ist die Ansage von Gottes jeweils gegenwärtigem Wirken

als Mitmenschlichkeit im persönlichen und gesellschaftlichen Bereich.

Die innere Qualität ist der Prozess und die Zielvorstellung des „Reiches Gottes“ als eine befriedete

Welt. Durch das gewaltlose Leben und Sterben Jesu ist dies als Befreiung in unsere Welt gekommen.

8. An Jesus sehen wir ein besonders vertrautes Gottesverhältnis.

Das kann uns darin bestärken, es als ein Modell für uns selbst zu übernehmen.

9. Gott ist keine überirdische Gottesperson, seine Geistkraft, kann aber als personales Gegenüber

erfahren und als ein „Du“ angesprochen werden.

10. Wir erfahren Gott auch als abwesend, verborgen, unverständlich.

11. Erfahrungen von Offenbarungen Gottes gibt es in der Geschichte auch neben Jesus.



AG "Naturwissenschaft und Glaube"


Dieser Arbeitskreis konnte sich nicht auf ein gemeinsames Verständnis aller Teilnehmer einigen.

Deshalb wurden zwei Ergebnis-Papiere vorgelegt: eines aus einer eher naturalistisch-materialistischen

Sicht, ein anderes aus einer eher spirituell-mystischen Sicht:


Ergebnis aus naturalistisch-materialistischer Sicht:


  1. Der Mensch ist zufälliges Produkt der Evolution des Lebens auf der Erde.
  2. Die Erkenntnisfähigkeit des menschlichen Gehirns ist sehr begrenzt. Der Mensch erkennt nur einen Bruchteil der Wirklichkeit. Was für den Menschen „Wirklichkeit“ ist, konstruiert sich das Gehirn weitgehend selbst auf der Grundlage von Sinneseindrücken, Umwelteinflüssen und genetischen Daten.
  3. Die Willensfreiheit des Menschen ist äußerst begrenzt. Seine Entscheidungen werden zu über 90 Prozent bestimmt durch seine Gene und durch die vielen in seinem Gehirn gespeicherten Daten und Mechanismen aus Erziehung, Umwelteinflüssen, Erlebtem usw.
  4. Die gefühlsmäßige Erkenntnisfähigkeit des Menschen ist keine sichere Erkenntnisquelle. Was jemand subjektiv als Wahrheit empfindet, ist zwar für ihn wahr und ist zu respektieren. Doch gibt es so viele subjektive Wahrheiten wie es Menschen gibt. Die gefühlsmäßige Erkenntnisfähigkeit hat keinen Zugang zu einer außerweltlichen Transzendenz oder transzendenten Welt. Es handelt sich um natürliche Vorgänge im Gehirn, deren Korrelate mit modernen Messmethoden erkannt werden können und auf die mit wissenschaftlichen Methoden Einfluss genommen werden kann.
  5. Ein dualistisches Menschenbild widerspricht den neurobiologischen Erkenntnissen. Der „Geist“ (bzw. die „Seele“) des Menschen ist wohl eine (emergente) Systemeigenschaft des Gehirns, d. h. er entsteht im Gehirn. (Ein Mitglied der AG stimmte dieser Erkenntnis nicht zu.)
  6. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass in der Zukunft eine geist-begabte künstliche Intelligenz entstehen wird, die auch Ich-Bewusstsein und Personalität besitzt.


Ergebnis aus spirituell-mystischer Sicht:


  1. In dieser Sicht ist Geist beziehungsweise Bewusstsein eine grundlegende Wirklichkeit. Die materielle Welt wird als deren Ausdruck oder Erscheinungsform verstanden. Die enge Verbindung zwischen Gehirnfunktionen und Bewusstsein wird anerkannt. Daraus wird jedoch nicht geschlossen, dass Bewusstsein ausschließlich vom Gehirn hervorgebracht wird.
  2. „Gott“ wird als göttlicher Urgrund verstanden, der sich einer vollständigen Beschreibung entzieht. In Anlehnung an mystische Traditionen kann der Mensch diesen Urgrund in der Tiefe seines eigenen Seins erfahren. Solche Erfahrungen werden als mögliche Hinweise auf eine geistige Wirklichkeit betrachtet, ohne damit einen allgemein verbindlichen wissenschaftlichen Nachweis zu beanspruchen.
  3. Die geistige Essenz des Menschen wird in dieser Deutung als göttlich, ewig und unzerstörbar verstanden. Der Tod des Körpers bedeutet deshalb nicht das Ende seiner Existenz.
  4. Diese Essenz wird nicht als zusätzliches Objekt neben dem Körper aufgefasst. Bewusstsein und körperliche Erscheinung werden vielmehr auf eine gemeinsame geistige Wirklichkeit bezogen. Damit stellt sich die Frage nach ihrem Zusammenhang anders als bei der Vorstellung zweier getrennter Substanzen, die aufeinander einwirken.
  5. In dieser Sicht sind Freiheit, Liebe und Verantwortung in der geistigen Wirklichkeit des Menschen begründet. Die Offenheit für eine solche Wirklichkeit bedeutet dabei nicht, an überlieferter kirchlicher Dogmatik festhalten zu müssen.


Gemeinsame Anliegen und offene Fragen


  1. Alle Mitglieder lehnen die Vorstellung eines Gottes ab, der als eigenständiger Akteur von außen in das Weltgeschehen eingreift – etwa indem er Wunder wirkt, Menschen errettet, vergibt, Gebete erhört oder am Ende der Zeiten richtet. Ebenso wird die Vorstellung zurückgewiesen, dass Gott unmittelbar in Gehirnfunktionen oder physikalische Ursache-Wirkungszusammenhänge eingreift.
  2. Was als Offenbarung bezeichnet wird, begegnet uns in menschlichen Wahrnehmungen, Deutungen und Überlieferungen und muss deshalb historisch-kritisch beurteilt werden. Ein Absolutheitsanspruch „heiliger Schriften“ lässt sich wissenschaftlich nicht begründen.
  3. Die gemeinsame Kritik an einem menschenähnlich vorgestellten, von außen eingreifenden Gott bedeutet jedoch keine gemeinsame Ablehnung jeder göttlichen Wirklichkeit.
  4. Alle Mitglieder sehen das Gebot der Nächstenliebe als eine zentrale Aussage des Christentums.
  5. Das Ergebnis des Arbeitskreises besteht somit auch darin, unterschiedliche Deutungen sichtbar gemacht und ihre Voraussetzungen sowie ihre Folgen für das Gottes- und Menschenbild erörtert zu haben.